Das Gemeinwohl-Barometer des Hansaviertels

Was bedeutet Gemeinwohl in städtischen Räumen? Diese Frage beschäftigt die Stadtforschung schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich der Begriff der Nachbarschaft erst entwickelte. Dabei haben sich Diskussionen über verschiedene Dimensionen und Inhalte von Gemeinwohl vorwiegend in einer akademisch-wissenschaftlichen Betrachtung abgespielt. Deutlich wurde, dass die Definition von Gemeinwohl für Individuen und Gemeinschaften variabel ist und, abhängig von räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten, stark unterschiedlich ausfallen kann. Der Gemeinwohlbegriff ist auch heute noch komplex und vielschichtig. Das unterstreicht noch einmal die Wichtigkeit, sich mit dessen Bedeutung zu beschäftigen.

Eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Zivilgesellschaft ist sinnvoll, um gemeinsam grundlegendes (lokales) Wissen zu erzeugen. Diese Zusammenarbeit wird „Citizen-Science“, also Bürger:innen-Wissenschaft genannt. Damit werden neue Perspektiven eröffnet. Die Idee für das Citizen-Science-Projekt „Ein Gemeinwohl-Barometer für das Hansaviertel“ wurde in einem Zusammenschluss des Hansaforums mit dem Institut für Geographie gemeinsam entwickelt und 2022 von der Universitätsstiftung Münster prämiert. Mit dem Ziel, Gemeinwohl auf Quartiersebene erfassbar zu machen, wurde nicht nur der Aufbau des Projektes, sondern auch die Erhebung von Daten und dessen Auswertung gemeinsam umgesetzt. Dabei geht es schlussendlich um das Bestreben, Lebensqualität und das Wohlergehen aller Bewohner:innen eines Viertels sichtbar zu machen und zu verbessern.

Ein lebendinges Abbild vom Zustand des Gemeinwohls

Datenerhebungsphase 2022

Aufbauend auf dem vom Hansaforum partizipativ erarbeiteten Quartier-Gemeinwohl-Index wird der eher abstrakte Begriff des Gemeinwohls für alle verständlich, greifbar und anwendbar. Das „Barometer“ spiegelt heute den Zustand des Gemeinwohls wider, wie es in der Erhebungsphase 2022 von Menschen aus dem Hansaviertel (Viertelmenschen) wahrgenommen wurde. Es handelt sich also um eine Momentaufnahme, die heute schon wieder anders aussehen kann – und so sollte es auch sein.

Das Gemeinwohl-Barometer zeigt dabei nicht einfach an, ob das Gemeinwohl erfüllt ist oder eher nicht, denn Gemeinwohl ist kein starres Konstrukt. Unser Barometer schafft es, die Komplexität des Begriffs wiederzugeben, indem es auch widersprüchliche Perspektiven und konkrete Bedarfe aufzeigt. Dies wird erreicht, indem wir zwischen Kritik, wahrgenommenen Konfliktfeldern und Erfordernissen, aber genauso Gutgeheißenes (Anerkennung) sowie den Potenzialen des Quartiers unterscheiden.

Orientierung bietet dabei der partizipativ erarbeitete Quartier-Gemeinwohl-Index und dessen Themen (diese findet ihr auf der unteren Hälfte des Barometers). Je Thema kann das Barometer verdeutlichen, welche Notwendigkeiten bestehen, um sich an die Gemeinwohl-Vision des Quartiers weiter anzunähern – oder was schon super läuft. Die aktuelle Wahrnehmung des Gemeinwohls ist also je nach QGI-Thema unterschiedlich (die QGI-Visionen sind hier zu finden, indem die Symbole angeklickt werden).

Der Inhalt des Gemeinwohls wird durch konkrete Oberbegriffe greifbar, hinter denen unterschiedliche Aspekte stecken. Klick dich durch die QGI-Themen im Barometer und schau dir an, wie unterschiedlich das Gemeinwohl ausschlägt. Hinter allen Oberbegriffen verstecken sich Zitate aus unseren Interviews, die das Gemeinwohlverständnis des Quartiers noch anschaulicher machen.

Anwendung

Mit dem Gemeinwohl-Barometer kann der Zustand des Gemeinwohls erstmals für das Hafen- und Hansaviertel der Stadt Münster sichtbar und konkret gemacht werden. Wir stellen es für die Allgemeinheit bereit, um alle in die Lage zu versetzen, eigene Einschätzungen über das Befinden des Gemeinwohls in ihrem Quartier treffen zu können. In dieser Form kann das Barometer der Zivilgesellschaft, aber ebenso der Verwaltung und der Politik dabei helfen, dass bei zukünftigen Vorhaben dem Beitrag zum Gemeinwohl konkret Beachtung geschenkt werden kann.

Ein Kompass für alle Quartiere?

Derzeit haben die Inhalte des Barometers nur für das Hansaviertel in Münster Gültigkeit. Eine Übersetzung für die Anwendung in anderen Quartieren ist selbstverständlich möglich. Es wird weiterhin daran gearbeitet, „den Weg zum Barometer“, also die Methoden der Erhebung aufzuarbeiten und somit zugänglich zu machen. Bei Fragen können wir gern mehr Auskunft geben.

Citizien Science Preis der Stiftung WWU Münster

Nach der Preisverleihung des Citizien Science Preis – Link zur UM Seite